Zur Bestimmung der Beckenweite gibt es verschiedene Ansätze, doch keine Methode konnte sich durchsetzen.

Zur Pelvimetrie gibt es – neben radiologischen Methoden – mehrere interventionsarme Ansätze. Davon konnte sich in der klinischen Routine, in der Lehre und in den Leitlinien bisher keiner durchsetzen: weder die klassische Pelvimetrie mittels Beckenzirkel, noch qualitative oder semiquantitative Einschätzungen mittels Begutachtung der Michaelis-Raute oder die Methode nach Prof. Frank Louwen, der die Weite des maternalen Beckens mit seiner eigenen Faust abschätzt. Wenn seine Faust mit einem Durchmesser von 11 cm zwishen die beiden Schambeinhöcker der Schwangeren passt, wird laut seiner Aussage der Kopf eines nicht makrosomen Kindes unter der Geburt das Becken passieren können. Damit die Methode auch für andere Untersuchende adaptiert werden kann, schlägt Louwen vor, die eigene Faust zu messen und bei Bedarf durch Hinzunehmen von weiteren Fingern der anderen Hand einen Durchmesser von 11 cm zu erlangen. Haben die beiden Sitzbeinhöcker der Schwangeren mindestens diese Weite, stehe einem vaginalen Geburtsversuch nichts im Weg.

Unsichere Prognosen

Auch wenn es verschiedene, teils universitäre Ansätze gibt, durch eine Bestimmung der Beckenweite Prognosen zu treffen, ob ein vaginaler Geburtsversuch gelingt (Franz et al., 2016), hat sich bisher keine Methode durchsetzen können. Eine Cochrane-Analyse mit mehr als 1.500 Schwangeren kommt zu dem Ergebnis, dass weder klinische noch radiologische Methoden geeignet sind, ein fetopelvines Missverhältnis zu bestätigen oder auszuschließen – allerdings bei niedriger bis sehr niedriger Evidenz (Pattinson et al., 2017). Generell bestehe die Möglichkeit eines Bias, da Schwangeren eher eine Sectio empfohlen wurde, wenn die Beckenmessung den Verdacht auf ein Missverhältnis ergab.

Bei einer durch Unfälle und/oder Operationen hervorgerufenen Beckenenge mit Bewegungseinschränkung oder Beckenversteifung dagegen kann eine Pelvimetrie sinnvoll sein. Trotzdem können meist auch in dieser Situation keine genauen Aussagen getroffen werden, ob eine vaginale Geburt möglich ist. Denn einerseits ist das maternale Becken, andererseits auch der kindliche Kopf flexibel, und beide können sich aneinander anpassen. Meist wird die Indikation zur primären Sectio in diesen Fällen aus orthopädischen Gesichtspunkten gestellt (Scott et al., 2024). Zur Prävention einer Schulterdystokie wird beim makrosomen Kind die Pelvimetrie in der neuen Leitlinie zur Schulterdystokie nicht erwähnt, da sie auch in dieser Indikation keinen wirklichen Stellenwert besitzt (AWMF, 2024).

Vaginale Geburt versuchen

Zusammenfassend gibt es keine Evidenz für die Sinnhaftigkeit einer Pelvimetrie, um ein Missverhältnis zwischen dem mütterlichen Becken und dem Kind sicher vorhersagen zu können. Deshalb sollten keine aufwendigen oder teuren Untersuchungen angewendet werden, die Aussagekraft ist zu gering.

Wenn man sich dennoch für eine Pelvimetrie entscheidet, sollte einer Schwangeren mit dem Wunsch nach vaginaler Geburt auch im Falle eines negativen Ergebnisses nicht von dem Versuch abgeraten werden. Gegebenenfalls sollte ihr großzügig angeboten werden, während der Geburt auf eine möglichst optimale Entspannung des Beckens zu achten, etwa durch ein Entspannungsbad, Lagerung, Positionswechsel (Toberna et al., 2020) und eine ausreichende Analgesie.

Zitiervorlage
Jückstock, J. (2025). Standardmäßiger Einsatz der Pelvimetrie: Keine Evidenz. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 77 (3), 25.
Literatur
AWMF. (2024). s2k-Leitlinie Schulterdystokie, AWMF-Register-Nr. 015–098. https://www.awmf.org/service/awmf-aktuell/schulterdystokie

Franz, M., von Bismarck, A., Delius, M., Ertl-Wagner, B., Hübener, C., Deppe, C., Mahner, S., U Hasbargen, U. (2016). MRT-Pelvimetrie zur Prognoseeinschätzung für die vaginale Geburt in Risikokollektiven; Geburtshilfe Frauenheilkd. 76 – P495 DOI: 10.1055/s-0036–1592921

Pattinson, R.C., Cuthbert, A., Vannevel, V. (2017). Pelvimetry for fetal cephalic presentations at or near term for deciding on mode of delivery. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 3. Art. No.: CD000161. DOI: 10.1002/14651858.CD000161.pub2

Scott, J., Glavy, J., Deafenbaugh, B., Kent, W., LaCoursiere, Y., Schwartz, A., Lutgendorf, M., Wheatley, B. (2024). Do all patients with history of pelvic ring injuries need a cesarean section? – A survey of orthopaedic and obstetric providers. J Gynecol Obstet Hum Reprod. 2024 Jun;53(6):102779. doi: 10.1016/j.jogoh.2024.102779. Epub Mar 27. PMID: 38552957

Toberna, C.P., Horter, D., Heslin, K., Forgie, M.M., Malloy, E., Kram, J.J.F. (2020). Dancing During Labor: Social Media Trend or Future Practice? J Patient Cent Res Rev. Apr 27;7(2):213–217. doi: 10.17294/2330–0698.1723

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